The Fight For Our Lives – 2

II – FÜR – „I Believe“

Woher wollen wir die emotionale und mentale Kraft nehmen, die wir in diesen Zeiten brauchen – wenn wir keine Vorstellung davon haben, wie Ziele und Bilder unserer Arbeit und unserer Auseinandersetzungen aussehen könnten. Wie also ein guter Ausgang aussehen könnte?

Wofür kämpfen wir eigentlich – wissen wir das?

(Teil 1 – Teil 2 – Teil 3)

Killswitch Engage – I Believe (Album: This Consequence, Metal Blade Records, Februar 2025)

1 – The Willingness to fight

Alles ändert sich. Doch wenn sich unsere Systeme und unser Leben darin ändern, dann müssen unsere Geschichten und Narrative dies ebenfalls tun. Sonst sind wir an der falschen Stelle verhaftet, verlieren unseren „track of what used to drive you to feel alive“, unsere „willingness to fight“.

Was uns hilft: Bilder und Geschichten, die den Blick nach vorne richten, uns ins Handeln bringen, ein Gegengewicht zu belastenden Erfahrungen der Gegenwart bilden – ohne uns dabei in falscher Sicherheit zu wiegen. Die uns aufrütteln und motivieren – statt zu beruhigen. 

Das Video in Verbindung mit dem Songtext erzählt eine solche Geschichte. Natürlich kann man der Bildsprache Klischeehaftigkeit vorwerfen, aber die Übertreibung ist hier ein absolut passendes künstlerisches Stilmittel. Das ganze Genre lebt schließlich von Überzeichnungen. Und vielleicht braucht es manchmal auch einfach Bilder bunter verzweifelter Hoffnung, die jeder Rationalität entgegenstehen, das Bild einer anderen Welt zeichnen, ein Gegengewicht bilden und Räume öffnen.

Wir brauchen eine andere Erzählung. Eine die uns zumindest die Möglichkeit vor Augen führt, dass es – potenziell – auch einen guten Ausgang geben kann. Dass die Guten siegen, das Leben, das Bunte und Erblühende – und nicht Zerstörung, Boshaftigkeit, Gier und Profit.


2 – Frankensteins Monster

Greta Thunberg hat in einem Interview einmal gesagt, dass es im Widerstand gegen die Erdzerstörung nicht um Hoffnung geht, sondern um Aktion. Not Hope, but Action.

Von beidem aber hält uns – neben Verzweiflung und Lähmung – oft etwas ab, das sehr subtil und zugleich sehr offensichtlich und allgegenwärtig ist. In vielen Filmen, Büchern, Geschichten wird uns mit kraftvollen Erzählungen in unser Bewusstsein gehämmert: Die uralte Vorstellung vom Menschen, der sein Monster erschaffen hat – und dieses Monster nun verdientermaßen den Menschen, seinen Schöpfer, zerstört. Tod und Vernichtung als Konsequenz menschlicher Hybris, als „Earned Dystopia“. Eine Erzählung, die durch die ganz realen Bilder von Stürmen, Fluten, Bränden, Dürren und dem unfassbaren Leid nur noch verstärkt werden. Und wie weit wir gerade mit der Erschaffung unseres KI-Monsters sind, ist in diesem Zusammenhang sicher auch zu fragen.

It’s an age-old morality tale: from the ancient golem of Judaic tradition rampaging against its master, to the monster killing Dr Frankenstein or nuclear testing unleashing Godzilla. 

This ‘earned dystopia’ tale is one of the basic plots programmed into us from early human history – an unstoppable narrative necessity that the consequence of hubris is death. 

The inevitability of this story runs through modern storytelling on climate – from The Day After Tomorrow to Don’t Look Up – most of us die at the end. Human beings have been bad, so we deserve a bad end.

(Futerra – Stories to save the world)

„Es gibt keinen Ausweg mehr, es ist vorbei, wir können das nicht aufhalten, alles andere ist unlogisch“ – so höre ich das inzwischen immer öfter in Gesprächen. Das von uns erschaffene Monster hat in unserem Denken längst übernommen – und nun schlägt es zurück.

Wollen wir diese „Doom-Loop“ in unseren Köpfen aufbrechen und verstehen, dass hier nicht ein unbarmherziges Schicksal am Werk ist, müssen wir diese Geschichte hinterfragen und sie durch eine andere ersetzen. (Bei Futerra heißt das: „Fighting Frankenstein“.) Eine Geschichte, die diesen eingebildeten Automatismus sprengen, wieder Kraft freilegen und unsere emotionale Landkarte umschreiben kann – und uns so wieder in die Aktion kommen lässt. 

Eine neue Erzählung, neue Bilder – ja: und Träume und Visionen.


3 – Eine neue Geschichte

„I have a dream“ – das hat die Bürgerrechtsbewegung der Afroameirkaner in den USA geeint, motiviert, nach vorne geführt und schließlich die Gesellschaft verändert.

Es war das Bild von Freiheit und Selbstbestimmung, dass die Menschen 1989 in der DDR auf die Straßen trieb und schließlich über die Trümmer der Mauer klettern ließ. 

Es sind diese Bilder von Selbstbestimmung, Freiheit und Menschenrechten, die den Frauen im Iran Mut für ihren Widerstand geben, die einen arabischen Frühling möglich machten, die das syrische Monster-Regime um Assad in wenigen Tagen zum Einsturz brachte, und aktuell die die Menschen in Georgien, Serbien und vielen anderen Orten der Welt auf die Straßen, in die Aktion, in den Widerstand führt.

Die „Anderen“, die Zerstörer, haben diese Bilder und die Vorstellung, wo sie hin wollen. Auf den 900-seitigen Zerstörungs-Plan der Heritage-Foundation habe ich schon Bezug genommen, und jeder Nazi braucht nur die vergilbten alten Bilder einer vermeintlich „besseren“ Zeit hervorzukramen. 

Das müssen wir nicht immer nur der „Gegenseite“ überlassen und uns in Empörung und reaktiv-verzweifelten Aktionen verlieren. Wir dürfen einen Zielhorizont formulieren, der als positives Bild wohl nicht mehr klar und leuchtend hell vor Augen stehen kann – ich sehe kaum, wie das noch gehen soll – aber eben doch irgendwo hinten in unserem Bewusstsein abgespeichert und tief eingebrannt ist. Einen Grund, eine Motivation, etwas, das uns trotz allem antreibt und am Lebern erhält. Etwas, das wir in allen Zweifeln und Verzweiflungen als weiterhin existierende Möglichkeit nicht aufzugeben bereit sind. 

„I have a dream.“

Und so wird aus dem Kampf GEGEN ein Kampf FÜR

FÜR unsere Kinder, FÜR „Our House“ – diesen unseren einzigen Planeten, der uns ernährt und beheimatet. FÜR die, die jetzt schon leiden. FÜR uns, unsere gemeinsame Zukunft, unser gutes Leben.

FÜR das Nicht-Aufgeben, das Nicht-Einfügen, das Hoffnung-Bewahren.


4 – Verzweiflung und Hoffnung

1942, mitten im Krieg, mitten in der Vernichtung seines Volkes, schreibt der jüdische Religioswissenschaftler und Rabbiner Shalom Ben-Chorin das folgende Gedicht:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

(Shalom Ben-Chorin)

Das Bild eines nach einem langen Winter wieder erblühenden Mandelbaums – in Israel ist das auch heute noch ein Symbol für die Möglichkeit eines neu erwachenden Lebens. 

Vom „Blütensieg des Lebens“ zu reden – angesichts des des „schreienden“ Blutes im die Welt „zerstampfenden“ Krieg – ist das nicht total verrückt, absolut gaga, völlig an allem vorbei, was man in solchen Zeiten denken kann und sollte? 

Nein! 

Es ist eben keine Verdrängung, keine Schönfärberei, keine Flucht in Phantasiewelten. Es ist EXAKT das Gegenteil. Die aus purer Verzweiflung geborene letzte Hoffnungsebene, die von Sieg des Lebens statt dem von Tod und Zerstörung singt.

Wir besiegen den Faschismus nur, wenn wir ihn für besiegbar halten. Wir können die Folgen dessen, was die Erdzerstörer angerichtet haben nur dann begrenzen, wenn wir das für möglich halten, wir können die Zerstörer nur zerstören, wenn wir sie für potenziell zerstörbar halten. Und. So. Weiter.

Der „Fingerzeig für des Lebens Sieg“: wir sollten niemals dauerhaft diese Ebene vom dennoch möglichen Sieg des Lebens über die Mächte des Todes aufgeben – diese komplett ver-rückte und gegen JEDEN Augenschein anhoffende Verzweiflung „in der trübsten Zeit“. 

Denn ohne die – und erst dann – ist wirklich alles aus.


5 – Die andere Perspektive

Die Zukunft nicht als Automatismus zu verstehen, der durch die konsequente und unveränderbare Verlängerung der Gegenwart bestimmt wird und Frankensteins Monster das Feld überlässt, sondern tatsächlich von vorne, von der Zukunft aus gedacht und von Bildern, Visionen etc. geleitet – das ist eine echte Zumutung. Da können wir doch gleich an Wunder glauben. Obwohl: sind die „Dreams“ eines Martin Luther Kings nicht genau das: Wunder? Im Sinne von: Eine der Gegenwart diametral gegenüberstehende Vorstellung einer guten und in diese Gegenwart hinein wirkenden Zukunft.

„Sometimes the bravest thing we can do while facing an existential crisis is imagine life on the other side.“

Ayana Elizabeth Johnson

Charles Eisenstein hat für dieses Verständnis einen guten Zugang gelegt, der zudem völlig ohne religiöse Konnotation auskommt. Veränderungen, die so groß sind und schlicht unerreichbar wirken, sind tatsächlich so etwas wie Wunder. Sie scheinen unmöglich zu sein aus der bestehenden Weltsicht (Eisenstein: The „Old Story“) heraus. Aber möglich erscheinen sie aus einer neuen Sicht und Wahrnehmung heraus („New Story“)

(A Miracle) is not the intercession of a supernatural being into material affairs, not an event that violates the laws of the universe. A miracle is something that is impossible from one’s current understanding of reality and truth, but that becomes possible from a new understanding.

A miracle is more than an event: it is an invitation. It says, „The universe is bigger than you thought it was.“ It invites us to step into a larger world, in which new things are possible.

Indeed, sometimes we do not accept it; sometimes we relegate it to the category of „that was weird,“ an exception to life, and we preserve normalcy and think and live as we always have, as if nothing had happened. When faced with an event that defies our usual explanations, we discard the event to preserve the explanation.

Jede echte Innovation fällt letztlich in diese Kategorie. Jede „revolutionäre“ Erfindung. Alles Neue beginnt sein Leben als Idee. Als Idee, dass etwas, das jetzt noch nicht sein kann, möglich werden kann. Unmöglichkeit wird Möglichkeit. Aus etwas jetzt noch Unvorstellbarem (im Wortsinn) wird später „the way things are“. 

Nur durch einen Wechsel der Perspektive lassen sich die verfestigten Doom-Loops, das unverbrüchliche Weiterschreiben einer alten und immer weiter in den Abgrund führenden Geschichte, der „Old Story“ aufbrechen.

Hope is not a lottery ticket you can sit on the sofa and clutch, feeling lucky. 

It is an axe you break down doors with in an emergency. 

Hope should shove you out the door, because it will take everything you have to steer the future away from endless war, from the annihilation of the Earth’s treasures and the grinding down of the poor and marginal. 

To hope is to give yourself to the future—­ and that commitment to the future is what makes the present inhabitable.
(Rebecca Solnit)