Ein Jahr geht zu Ende, ein neues beginnt.
Viele gehen mit Angst und voller Sorgen in dieses neue Jahr. Groß ist die Verunsicherung in diesen Tagen.
Gibt es etwas, das uns Hoffnung geben kann?
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Es soll nach vorne gehen, durch Dunkelheit und Winter in ein neues Jahr. Doch zunächst wollen wir zurück schauen, weit zurück.
Wer die aktuellen Zeiten analysiert zieht recht bald den Vergleich mit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Mitten in diesem Jahrzehnt, im Jahr 1935 – die Nazis waren bereits zwei Jahre an der Macht, eine Gesellschaft kippte in den kollektiven Wahnsinn, eine Welt rutschte in den Abgrund – schreibt der Komponist Alban Berg kurz vor seinem frühen Tod sein letztes Werk, ein Konzert für Violine und Orchester.
Es ist ein besonderes Werk – und Berg ist ein besonderer Komponist. Als Schüler von Arnold Schönberg, dem Begründer der Zwölftonmusik steht er am Beginn der klassischen Moderne, zwischen Bach, Beethoven, Brahms und der Avantgarde des 20. Jahrhunderts.
(Für die musikalisch Versierten das Folgende – ansonsten geht es im nächsten Abschnitt weiter) In seinem Violinkonzert ordnet Berg die 12 Töne der Tonleiter in drei aufeinanderfolgende Akkorde an, klassische Dur-Moll-Akkorde, und schließt die Tonreihe mit vier Ganztonschritten ab. Auf der Grundlage dieser „Reihe“ ist das Stück aufgebaut. Die letzen Töne der Reihe, die vier Ganztonschritte entsprechen dem Anfang eines Chorals von Johann Sebastian Bach: „Es ist genug ab“. Berg führt gegen Ende des gleichermaßen dissonanten wie hochgradig streng komponierten Werkes diesen Choral als Zitat ein.
Das Werk seht mit diesem Rückgriff auf die „klassischen“ Akkorde in der sonst freien, atonalen Musik und durch das wörtliche Zitieren des „alten“ Chorals (Zumal mit dieser „Es ist genug“ – Botschaft) wie ein Scharnier zwischen alter und neuer Musik. Und es spricht hinein in eine zersplitterte Zeit des Umbruchs, des Zusammenbruchs, in die Kluft zwischen einer alten, in sich zusammenfallenden Welt und einer noch nicht erkennbaren Zukunft.
Das Konzert ist Ausdruck von Trauer und Ende – „Es ist genug“. Berg hat es als Gedenkmusik für die in sehr jungen Jahren verstorbene Tochter eines eng befreundeten Ehepaares geschrieben. „Dem Andenken eines Engels“ hat er das Konzert untertitelt.
Und trotzdem verharrt die Musik nicht dort. Mitten in der Dissonanz, dem Aufgewühlten, in der Explosion von Klängen und Gefühlen erhebt sich auf einmal zart und leise der Bach-Choral. Wie ein Klang aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Sphärisch, hintergründig, mit einer unglaublichen Tiefe versehen.
Auch wer vielleicht keinen Zugang zu klassischer Moderne hat, sollte einmal reinhören, ich halte es für eines der berührensten Werke des 20. Jahrhunderts. Und es ist die passende Musik auch für die heutige Zeit.
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Die Schriftstellerin Luise Rinser hat Bergs Violinkonzert so charakterisiert: (*2)
Ein Mensch sagt: „Es ist genug“. Er kann nicht mehr weiter. Hiob am Ende seiner Kraft. Er gibt auf.
Bergs Musik, sein Spätwerk, seine allerletzte Arbeit. Sein Abschied von der Welt, genauer gesagt: sein Abschied von allem, was er liebt, sein Abschiedsblick auf die sterbende Kultur, in der es Bach und Mozart und Gott und Sicherheit gab.
Aber da, am dunkelsten Punkt, erhebt sich die Musik noch einmal, überraschend. Da wagt einer den Aufsprung. Wohin? In die Unsicherheit.
Und siehe da: sie trägt!
„Und siehe da, sie trägt“ – vielleicht ist das die entscheidende Aussage, die uns durch Zusammenbrüche und kollabierenden Systeme tragen kann – und die uns genau darin Hoffnung und Perspektive eröffnet.
Die Unsicherheit muss uns nicht in die stumpfe Verdrängung, ins Abgleiten in unsere privaten Wirklichkeitssimulationen führen. Und eben auch nicht in die Angst, die Verzweiflung, die Depression. Bzw. kann sie uns dort wieder herausführen.
Wir dürfen den Aufsprung (!) in die Unsicherheit wagen. Sie trägt.
In der Unsicherheit, im Unbekannten ist das Neue zuhause. Genau dort, und nur dort. Es findet sich nicht im Alten, nicht im Bekannten, nicht in dem, was gerade zusammenbricht.
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Eine Arbeitsgemeinschaft aus Mitgliedern der evangelischen und katholischen Kirche wählt in jedem Jahr eine sogenannte „Jahreslosung“ aus. Ein Zitat aus der Bibel, vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit. Für das vor uns liegende Jahr stammt dieses aus dem Neuen Testament, Offenbarung 21,5 :
Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.
Alles neu – Ich verstehe das so:
Da fällt nicht einfach etwas Wundersames auf uns herab – vielleicht so wie man in Katastrophengebieten Versorgungsgüter aus dem Hubschrauber abwirft. Da wird ich ein Schalter ungelegt – und auf einmal ist wieder alles gut, alles neu. Sondern: dadurch geht ein Raum auf. Mitten in dieser unsicheren, angstmachenden Welt.
Neues findet sich nur dort, im Unbekannten, in diesem neuen Raum. Sonst wäre es halt nicht neu. Und nur das dort zu findende Neue hat dann auch die Kraft, das zerstörerische Alte zu verdrängen, zu beenden, an dessen Stelle zu treten. „Alles neu“ – das ist die Potenzialität des Unsicheren, des Unbekannten, des dort Verborgenen. Das Feld, der Raum, in dem sich unsere Angst, Verzweiflung, Erstarrung, aber auch die Verdrängung auflösen lässt und in dem sich das Neue manifestieren kann.
„Und siehe da, sie trägt“. Wir müssen in der Unsicherheit unserer Zeit nicht verloren gehen, müssen uns nicht in den diffusen und vielfältigen Ängsten unseres Lebens verlieren. Auch durch unsichere Zeiten lässt sich navigieren. Mehr noch: Im Sturm nicht untergehen – und dabei sogar Befriedigung und Erfüllung finden – das kann man lernen und einüben.
Und vielleicht ist ja gerade die Weihnachtsbotschaft, die uns in diesen Tagen wieder begegnet, genau hier zu verankern: als die Zeitenwende, als das „Neue“, das in die dunkelste Nacht hinein geboren wird. Gestalt annimmt. Neue Räume eröffnet. Und das mit einer revolutionären Botschaft diese Welt betritt: die Mächtigen vom Thron zu stürzen – und fortan die Sanftmütigen und die Friedensstifter in den Mittelpunkt zu stellen.
Das ist der Raum, in den wir eintreten dürfen, in dem Neues entsteht, Kraft entfaltet und schließlich das zerstörerische Alte zu Fall bringt.
(1) – Bild: Jakub Kriz – unsplash.com
(2) – Aus: Luise Rinser: Im Dunkeln singen. 1982-1985, Frankfurt (Fischer), 1985.