The Fight for our Lives – 3

III – STRATEGIEN – „Illuminate The Path“

Wir stehen vor Herausforderungen, die kaum größer sein könnten. Wir müssen das Energiesystem umstellen, Ernährung und Mobilität ebenfalls, die Art zu leben, reisen, wohnen neu bestimmen, funktionierende Institutionen aufbauen, die Wirtschaft vom Kopf wieder auf die Füße stellen. Und nebenbei noch gegen Faschismus und fossile Übermacht – die Monster in diesem Transformationskonflikt – zur Wehr setzten.

Wie soll das bloß gehen?

(Teil 1 Teil 2 – Teil 3)

Arch Enemy – Illuminate The Path (Blood Dynasty, März 2025)

Vorab: Inspiration und Infrastruktur

Jetzt war viel von neuen und kraftvollen Bildern die Rede. Und dennoch ist an dieser Stelle ein großes „ABER“ nötig: 

Denn diese Erzählung darf sich nie verselbständigen, nie isoliert stehen, sonst wird sie zum Trugbild – und verliert ihre Wucht. Sie ist immer ein Gegen-Entwurf. Und sie ist immer nur mit diesem „Gegen“, dem Ausgagnsbild also, vollständig und gerät anders ins Rutschen, in die Disablance. Nur mit diesem wird es vollständig: Denn: Wir führen einen Kampf – einen Kampf GEGEN und einen Kampf FÜR – und keinen Geschichten-Erzähl-Wettbewerb.

Daher: Bilder und Visionen ohne Pläne, Strategien und Aktionen sind nutzlos, bringen nichts voran. Inspiration braucht Infrastruktur. Sie braucht den unbedingten Willen, Räume zu besetzten und Systeme zu zu übernehmen und zu drehen. Über starke Bilder groß gestelltes Denken muss auch große Veränderungen anstreben – und zugleich im Kleinen und an sehr vielen verschiedenen Stellen beginnen.

Das geht nun weit über den Rahmen eines einzelnen Essays hinaus, auch mit den bisherigen inhaltlichen Vorläufen. Dennoch sind einige Punkte zu nennen, die ich für entscheidend halte und die so etwas wie einen Bogen um alles Handeln und unser Selbstverständnis bilden.


1 – Räume besetzen

Wir brauchen den den Willen und die Strategien, beständig und überall Raum zurück zu erobern, diese Räume fortan zu besetzten und dort Neues aufzubauen. (Teil 1!)

Jede Critical Mass, jeder Meter neuer Radspur erobert öffentlichen Raum zurück, jede Petition baut Druck auf, jedes Solardach, jede Wärmepumpe schwächt die Fossilindustrie, jede Initiative, die das Leben im Viertel besser macht, ändert ein Stück weit wie wir gemeinsam unser Leben gestalten, jede Eingabe an Abgeordnete in den Parlamenten verschafft Wahrnehmung. Jede Nachbarschaftsinitiative ändert den „Geist“ und das Zusammenleben untereinander.

Und das gilt auch im „Großen“: Erneuerbare Energien erlösen uns vom Fluch der fossilen Weltzerstörung, eine gerechte Verteilung von Reichtum und Teilhabe beruhigen gesellschaftliche Spannungen. 

Vielleicht ist es also tatsächlich gar nicht so kompliziert. Die Lösungen liegen doch alle bereit. Lassen wir uns nie wieder einreden, dass Veränderungen zu kompliziert, zu schwer, zu komplex, zu langwierig und was auch immer sind. Das stimmt einfach nicht!


2 – Systeme drehen

Ich hatte zu Beginn angekündigt, dass es kontrovers wird, und spätestens jetzt ist es soweit. Denn: Räume zu erobern ist ungemein wichtig – aber nicht ausreichend. Denn: es braucht den Blick aufs Große, aufs „Ganze“. Den Blick auf ein neoliberales System, das durch die Welt pflügt, Mensch und Natur ausgezehrt hat – und uns nun in einem letzten Gefecht einen fossilen Faschismus vor die Füße wirft, um unsere Kräfte zu binden und um so die profitable Zerstörung fortsetzen zu können. 

Hier ist die Diskussion zu führen, wie dieses aus der Dunkelheit, aus der heraus es agiert, hervorgeholt, und ersetzt werden kann. Wir brauchen den unbedingten Willen, Systeme zu zu übernehmen und zu drehen. Die Zerstörer ins Licht zu zerren und zu selbst zu zerstören – anders kann es nicht gehen. 

In der ökonomischen Theorie ist es längst unwiedersprochen, dass neue, bessere Technologien, Produkte usw. alte und nicht mehr adäquate ersetzten, „angreifen“ und deren Stelle übernehmen. Auto statt Pferd, Personal Computer statt Schreibmaschine und Fax, etc. Das Bessere zerstört das nicht mehr passende Alte. Spätestens seit Schumpeters „Kreativer Zerstörung“ gehört das zur ökonomischen DNA.

Warum bekommen alle feuchte Augen, wenn in dem legendären Apple-Webeclip die gefeiert werden, die „no respect for the status quo“ zeigen, die Stress machen und auf die traditionellen Regeln pfeifen? Welche Sperre besteht da in uns, dass wir diesen Ansatz nicht von wirtschaftlichen Veränderungen auf gesellschaftliche vorstellbar halten. Alles ändert sich, aber ein Wirtschaftssystem bleibt in Stein gemeißelt. Warum glauben wir das ernsthaft?

Inzwischen können wir uns ja kaum noch vorstellen, bei wirtschaftlichen Transformationsprozessen weiter zu denken, als neue Versionsnummern auf alte Produkte zu kleben. Echte Transformationsprozesse scheinen manchmal kaum noch denkbar. Man schaue nur auf den erbärmlichen Zustand der deutschen Automobilindustrie in den letzten Jahren und die aktuellen politischen Rückschritte in eine vermeintlich bessere Zeit (die aber halt vorbei ist – und das wissen andere und gehen voran während wir unser Museum pflegen).

Ein zerstörerisches System zu einem Ende bringen und es durch ein besseres zu ersetzten – darum geht es. Die Rechten und die radikalisierten konservativen Kulturkämpfer machen das doch schon die ganze Zeit, mit dem Unterschied, das diese durch ihren „System Change“ noch mehr Zerstörung anstreben – und wir, die Guten, sind immer nur empört. 

Oder, um das Bild vom gemeinsamen Haus vom Anfang wieder aufzugreifen: da brennt man unser gemeinsames Haus ab, und anstatt das mit allen Mitteln zu verhindern verlieren wir uns in Appellen an die Brandstifter und optimieren unsere Löschmaßnahmen. So wird das nichts.

Wir sollten es besser können.


3 – Auf Sieg spielen

Die Geschichten, die uns in diesem Raum zwischen der alten und der neuen „Story“ leiten und die unsere Frankenstein-Erzählung pulverisieren können, sind die von Herausforderungen und Auseinandersetzungen, die über Jahre, wohl eher Dekaden, zu führen sind. Aber eben auch Geschichten von gemeinsamem Erleben, von aus unseren Werten gespeister Befriedigung, Verbundenheit, Gemeinschaft, von guten Zeiten, und ja: tatsächlich auch vom guten Leben – bis am Ende eine tote alte Ordnung überwunden und eine bessere Welt errichtet sein wird. 

Es sind „epische“ Erzählungen – so wie die erste Starwars Trilogie, der Ring Zyklus, vielleicht sogar die Hunger Games und die Harry Potter Bände. Geschichten über verlorene Schlachten und mühsam erkämpfte Gewinne. Geschichten von Mut und Inspiration.

Es sind Geschichten vom Kampf gegen die Riesen.

Denn: Die Erdzerstörung kann man nur bekämpfen, nichts anderes. Faschismus kann man nur bekämpfen, nichts anderes. Dass einige Superreiche die Erde an sich reißen, kann man nur bekämpfen, nichts anderes. 

Es gibt jeweils keinen anderen Zugang dazu, keine Kompromisse, kein Frieden-Machen und Arrangieren. So wie wuchernde Krebszellen im Körper kein Verständnis, kein gutes Zureden, kein Arrangieren brauchen, sondern ein schnelles und entscheidendes medizinisches Eingreifen. Widerstand ist im all diesen Fällen die einzige Option. 

Wie dieser, wie der Kampf aussieht, ist jeweils zu bestimmen. Gewaltfrei – aber mit einem weiten Spektrum. Und die Palette ist wahrhaft vielfältig. Seien wir doch mal kreativer. Und vor allem: geben wir um nichts in der Welt diese Grundüberzeugung vom möglichen Sieg auf. Denn sonst siegen die Erdzerstörer, sonst siegt der Faschismus, sonst siegen die modernen „Feudalherren“. Und zwar völlig unnötigerweise

Selbst Riesen sind nicht unbesiegbar.

Malcom Gladwell hat das einmal in seiner Interpretation der biblischen Geschichte von David und Goliath, dem Kampf des kleinen Hirtenjungen David gegen den übermächtigen Riesen Goliath so formuliert: 

„Giants are not as strong and powerful as they seem – and sometimes the shepard boy has a Sling in his pocket“


Schluss – „This is not our requiem“

„Und die Welt singt doch“ – das war die leise Hoffnung, die ich zu Beginn aus der Analyse von Hartmut Rosa aufgegriffen habe. Das, was ist, muss nicht das letzte Wort behalten -wir haben etwas entgegenzusetzen. 

Das wird schwer, es ist verdammt viel, es ist umfassend, herausfordernd, kräftezehrend. Es braucht unsere ganze Energie. Gerade deswegen bleibt bestehen: Wir dürfen uns kraftvolle Geschichten erzählen, große Bilder machen. Und dann Schritt vor Schritt setzen. Aus eigener Lebenserfahrung kann ich sagen, dass das geht. Die gerade noch glimmende Hoffnungsflamme schützen und nicht erlöschen lassen. 

Und die Welt singt doch Weil ich als Rahmen um diese Artikel den Zugang über die Musik gewählt habe, soll das letzte Wort dazu wieder „Killswitch Engage“ gehören („Requiem“ – This Consequence, 2025)

Es ist noch nicht vorbei, wir sind noch da – und wir werden nicht aufhören.