Boooooomm … Das war’s. Oder doch nicht?

Während ich hier sitze und diese Zeilen schreibe, protestieren nur einige hundert Meter entfernt die Jungendlichen von FridaysForFuture für ihr Recht auf eine lebenswerte Zukunft.

Durchs Netz rollt ein wütender brauner Mob, der mit wachsender Panik merkt, wie gefährlich ihm eine 16-jährige Klimaaktivistin werden kann.

Unser Verkehrsminister lehnt eine Reduktion der Emissionen im Straßenverkehr mit dem Hinweis auf den „gesunden Menschenverstand“ ab.

Und eine Kommission, die über Zukunftsfragen beraten sollte, hält es für verantwortbar, noch ganze 20 Jahre einen fossilen Energieträger zu verfeuern und weiter unvorstellbare Mengen Klimagase und Giftstoffe in die Atmosphäre zu emittieren.

Eine gute Zeit also, sich noch mal einen Klassiker vorzunehmen: 

„Kollaps — Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“

Kollaps

Kollaps“ ist ein Buch des Evolutionsbiologen Jared Diamond. 2005 veröffentlicht, seitdem viel beachtet und heute von einer geradezu brennenden Aktualität. Es geht um Muster, die im Verlauf der Geschichte zum Auslöschen ganzer Gesellschaften geführt haben. Kulturen, von denen heute nur noch stumme Zeugen existieren: die Ruinen von Angkor Wat beispielsweise, die Pyramiden der Maya oder die eindrucksvollen Statuen auf der Osterinsel.

Warum tun die Menschen in einem dramatischen Umfang und mit beängstigender Konsequenz Dinge, die zu ihrem eigenen Untergang führen? Das ist die zentrale Frage des Buches. Und seien wir ehrlich: Genau diese Frage wird mit jedem Tag aktueller.

Jared nennt fünf Hauptfelder, die zum Untergang geführt haben: Umweltschäden, Klimaveränderungen, feindliche Nachbarn, Wegfall von Handelspartnern sowie die Reaktion einer Gesellschaft auf ihre Umweltprobleme. Ja, die Aufzählung verkürzt das 700-Seiten-Werk maximal, aber dennoch die Frage: Klingelt da etwas?

Auf dem Weg in den Untergang macht Diamond verschiedene aufeinander aufbauende Stadien aus:

  1. Die Gesellschaft sieht ein Problem nicht voraus.
  2. Eine Gesellschaft will ein Problem nicht wahrnehmen.
  3. Eine Gesellschaft erkennt das Problem zwar, will aber keine angemessene Anstrengung unternehmen, es auch zu lösen.
  4. Die politische und gesellschaftliche Elite schottet sich von den Folgen ihrer eigenen Handlungen ab, was den Zusammenbruch beschleunigt.

Handlungsmaximen radikal ändern

Ein Beispiel: Grönland, 15. Jahrhundert. Der folgende Abschnitt aus der FAZ-Rezension des Buches zeichnet ein anschauliches Bild von den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, die zum Ende der Wikinger führte.

„Kleine Gruppen hungernder Menschen ziehen zu einem der letzten Bauernhöfe. Mit verzweifelter Kraft drängen sie die Knechte vor den Ställen zurück, töten sie, wenn nötig, und machen sich daran, das Vieh zu schlachten. Niemand ist da, der ihnen Einhalt gebieten könnte. Auf Normannisch-Grönland geht es gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ums Überleben. Irgendwann ist das letzte der hundertsechzig Rinder geschlachtet. Die Sommer sind jetzt, auf dem Höhepunkt der Kleinen Eiszeit, zu kalt und zu feucht, als dass man Viehzucht treiben könnte. Der jahrhundertelange Raubbau der Wikinger hat die Erde unfruchtbar gemacht. Der Überfall der armen auf die reichen Bauern hat den Verzweifelten nur eine Gnadenfrist gewährt — es naht der Sommer, den kein Wikinger auf Normannisch-Grönland mehr erleben wird.“

Besonders interessant aber: Zur selben Zeit und unter denselben Bedingungen hat auf Grönland eine andere Gruppe — die Inuit — scheinbar problemlos überlebt. Während die Wikinger in den viel zu kurzen Sommern die schon kargen Böden weiter auslaugten, durch ungerechte Verteilung der knappen Güter soziale Unruhen erzeugten und die eigenen Lebensgrundlagen nach und nach vernichteten, setzen die Inuit, die lange vor den eingewanderten Wikingern hier lebten, auf Fischfang: Fische, Robben, Wale boten ihnen ausreichend Nahrung (für die Wikinger war das ein Tabu). In der sozialen Ordnung gab es zudem einen wesentlich schwächeren Anführerkult als bei den Wikingern, so dass bei ihren das Allgemeinwohl einen höheren Stellenwert hatte als kurzfristiger Machterhalt der Herrschenden.

Die gescheiterten Gesellschaften in Diamonds Buch sind untergegangen, und das zeigt das Beispiel der Wikinger sehr anschaulich, weil sie angesichts von Krisen genau jene Handlungen verstärkt haben, die sie in diese Krise geführt haben.

In krisenhaften Umbruchsituationen ist das jedoch genau dieses Festhalten der direkte Weg in den Untergang. In der Krise muss man seine Handlungsmaximen radikal umstellen, sonst droht der Kollaps.

Die glücklichen Sklaven

Warum aber fällt es uns so schwer, aus gewohnten Mustern auszubrechen, selbst wenn sie existenzbedrohend werden?

Vielleicht ist die Antwort erschreckend einfach: weil es bequemer ist — weil es nicht stört — weil es weniger Mühe macht — weil man sonst seinen alten, angewärmten Platz verlassen und sich in Bewegung setzen müsste. Und zwar, das ist entscheidend, ohne zu wissen, wohin es geht. Und weil eine ganze Industrie alles daran setzt, uns in diesem bequemen Leben so konsequent wie möglich gefangen zu halten.

„Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Komplexer wird es mit der Lösung. Warum? Weil es die nicht „in klein“ gibt, weil wir mit ein paar inkrementellen Verbesserungen hier und da nicht weiter kommen. Weil es das tatsächlich nur „in groß“ gibt. Da kommt man um Begriffe wie „System Change“, von mir aus auch „Revolution“ nicht herum.

Hui! Schnappatmung? Aber dass das iPhone den Smartphone-Markt revolutionierte und Tesla die Automobilindustrie, ist okay?

Kleiner ist das aber nicht zu haben, fürchte ich. Dass genau das System, das uns in die Krise hineingeführt hat, uns schwerlich wieder aus dieser herausführen kann — das verstehen zum Glück immer mehr Menschen — und genau das spricht aus jeder Seite von Diamonds Buch. Darauf zu vertrauen, dass das Feuer, das unser Haus niedergebrannt hat, dieses nun auf irgendeine mirakulöse Weise auch wieder aufbauen wird — ernsthaft? Wollen wir das wirklich glauben?

Wie ein solcher „Change“ aussehen kann, zeigen die eingangs erwähnten Jugendlichen mit ihren Klimaprotesten in der ganzen Welt. Oder die Umweltbewegung in den USA mit dem „Green New Deal“. Oder die mutigen Menschen im Hambacher Wald mit ihrer Vision eines andern Lebens. Oder die Stadt Oslo mit ihrer Mobilitätsoffensive.

Oder eben ein Kind, das sich alleine mit einem Pappschild vor ein Parlamentsgebäude setzt und damit eine weltweite Revolution lostritt.

Und dass ich diese Liste noch lange weiterführen könnte, macht Hoffnung.